Luna

Mein Luna-Mädchen ist am 05.10.2010 friedlich über die Regenbogenbrücke gegangen.

Sie war eine außergewöhnliche Hündin, geprägt durch ihre schrecklichen ersten 6 Lebensmonate. Gefunden haben wir sie im Sommer 2000 am Strand von Oliva / Spanien, wo wir unseren Urlaub verbrachten. Sie lief dort abgemagert und ausgezehrt herum, verwand ihre ganze Energie auf Spielen und Laufen.
Ich lockte sie heran und gab ihr Wasser zu trinken, was sie zu meiner großen Freude bei sich behielt (viele Hunde am Strand trinken Meerwasser, welches ihren Magen und Darm zerstört, sodass sie aufgenommenes Futter oder Wasser schnell wieder erbrechen).
Daraufhin vertilgte sie nach und nach alle unsere Brote und Würstchen…
Abends gingen wir zu unserer Ferienwohnung zurück und ließen sie schweren Herzens zurück… unser damals 6 jähriger Sohn quengelte (was sonst gar nicht seine Art war) wir müssen die Hündin zu uns nehmen – und er hatte ein schlagendes Argument: Er hatte uns bereits am Morgen, bevor wir zum Strand gingen, erzählt, dass er nachts geträumt habe, dass er einen weißen Hund mit braunen Flecken bekommt…
Ich hatte das in typischer „Mutter-Manier“ mit „Ja, natürlich ! Du weißt, dass wir frühestens in 4 Jahren einen Hund bekommen werden, wenn Dein kleiner Bruder in die Schule kommt !“ abgetan.
Tja – aber da war sie nun: weiß mit braunen Flecken, klein, freundlich, wuselig – so hatte sie sich einfach in unser Herz gelaufen ! Unser Sohn quengelte und quengelte und schließlich einigten wir uns darauf, dass er und ich nochmals zum Strand gehen würden, um zu schauen, ob sie noch da sei. Ich nahm in Ermangelung einer Leine ein Springseil der Jungs mit und sagte noch, dass ich sie nicht einfangen würde: entweder sie käme freiwillig mit, oder eben nicht. Mein Sohn war felsenfest überzeugt: „Sie kommt mit !!“
Und das tat sie ! Ich sah sie, rief sie einmal kurz, sie kam wedelnd sofort zu uns und als ich eine Schlinge in das Seil geknotet hatte, steckte sie den Kopf von selbst hindurch !
Sie trabte absolut lieb, ohne zu ziehen, neben mir her und schaute mich mit großen Augen an… und das war auch das erste und letzte Mal ! Später musste ich sie IMMER ermahnen, bei Fuß zu gehen, und auch dann zog sie nach wenigen Metern immer wie ein Husky im Schlittenhunde-Gespann…

In der Ferienwohnung angekommen, durfte sie zunächst die Wohnung nicht treten, da sie verfloht und voller Zecken war. Sie akzeptierte mein „nein“ sofort und blieb auf der Terrasse.
Wir besorgten schnell ein Flohshampoo und badeten sie in dem hierfür von meinen Söhnen generös zur Verfügung gestellten Kinder-Planschbecken. Nachdem der ganze Dreck, Schmutz und die Flöhe entfernt waren, sah man erst, wie stark und brutal sie misshandelt worden war… Peitschenstriemen liefen über ihren Körper, der Vorderlauf war gebrochen und schief zusammengewachsen, die Rute stümperhaft koupiert…und sie war derart abgemagert, dass es mir kalt den Rücken runter lief… sie wog damals 8 kg. Nach einem halben Jahr wog sie 20 kg, ohne auch nur ein Gramm Fett am Körper zu haben !

Wir waren naiv und versuchten, sie an Spanier oder Touristen zu vermitteln… jeder der sie sah, fand sie ausgesprochen hübsch – viele Leute erkannten sie auch und fragten, ob es der Hund vom Strand sei ... sie sei so nett, aber nein, behalten wollte sie niemand.

Da die Hündin bereits spanische Befehle konnte, sprach ich Spanisch mit ihr. „Komm hierher“ heißt „ven aqui“. Als dann am 3. Tag unser damals Zweijähriger zu mir lief uns sagte „Unser Ven-Aqui hat auf den Parkplatz gepinkelt“ wusste ich, dass wir uns nun entscheiden mussten…
Ich sagte meinem Mann, dass wir die Hündin nun entweder abgeben müssen (was eigentlich bereits ausgeschlossen war, weil sie in einer Parrera keine Chance gehabt hätte), oder ihr einen Namen geben müssten – und dann wird´s „persönlich“ :o)
Mein Mann entschied (er entscheidet immer über Tier-Zugänge in unserem Haushalt, weil ich über ein Arche-Noah-Syndrom verfüge und alles am liebsten Paarweise einsammeln würde, was mir begegnet !), dass wir sie erst einmal von einem Tierarzt untersuchen lassen sollten und dann entscheiden. Sie hatte auf der linken Hinterhand eine große Schwellung und er befürchtete einen Tumor. Ich war überzeugt, es sei eine Entzündung, hervorgerufen durch einen aufgeplatzen Peitschenhieb. Wir beschlossen, nach der Untersuchung zu entscheiden: im Falle eines Tumors hätten wir sie einschläfern lassen, um ihr weiteres Leid zu ersparen, im Falle einer Infektion würde diese behandelt und wir nähmen das Mädchen mit nach Deutschland. Dort würden wir weitersehen, da ich damals noch meinem Beruf als Versicherungskauffrau nachging und der Hund 7 Std. täglich alleine gewesen wäre…
Aber wenn dies nicht ginge, hätte sie in Deutschland definitiv bessere Chancen als in Spanien gehabt.
Zu unserer großen Freude hatte ich Recht: es war eine Infektion ! Der Tierarzt reinigte die Wunde und verabreichte ihr ein starkes Antibiotikum. Wir beschlossen, sie Luna (= Mond) zu nennen:
Mein Sohn hatte nachts, als Vollmond war, von ihr geträumt, wir haben sie Montags (= Lunes) gefunden – da schien der Name perfekt :o)
Und da sie eine waschechte Spanierin war und diese immer über beeindruckende Namen verfügen,  nannte ich sie „Luna de la playa de Oliva, entre Valencia y Alicante“ (=“Luna vom Strand in Oliva, gelegen zwischen Valencia und Alicante“). Natürlich habe ich sie nie so gerufen ;o) !

Luna verwendete die nächsten 2 Wochen darauf, abwechselnd zu schlafen und Unmengen zu fressen und so wieder zu Kräften zu kommen…sie lag tagsüber auf ihrem Platz auf der Terrasse – doch nach 2 Wochen kam ich hinaus und sie war weg ! Ich wollte sie gerade rufen – da sauste ein weiß-brauner Blitz in einer affenartigen Geschwindigkeit an der Terrasse vorbei und verschwand hinter dem Haus… sie rannte sage und schreibe 15 min non-stop wie von der Tarantel gestochen immer wieder um das Haus herum – und ich bekam einen Vorgeschmack auf das, was mich die nächsten 10 Jahre begleiten würde !

Nachdem Luna wieder zu Kräften gekommen war, stellte sich heraus, dass sie hyperaktiv war, sobald sie wach war. Sie wurde Zeit ihres Lebens von einer unbändigen inneren Unruhe angetrieben, die sie kaum einmal durchatmen ließ.
Wenn ich zur Arbeit ging, schlief sie durch, doch kaum war ich zurück, ging sie mir fast die Wände hoch. Luna zeigte auch autistische Züge: sie war hoffnungslos überfordert, wenn sie mit einer neuen Situation konfrontiert wurde – und bereits das Einbiegen in eine „neue“ Straße führte dazu, dass sie „durchdrehte“: sie drehte sich dann immer schneller im Kreis, oft von einem Fiepsen begleitet.

Darüber hinaus war sie auch sehr ängstlich, da sie fürchterliche Angst vor Schmerzen hatte – verständlich, wenn man ihre Vorgeschichte bedenkt. Sie zeigte dann Meideverhalten bis hin zum Abwehschnappen, wobei ihre Körpersprache aber immer starke Unterwerfung zeigte.

Ich habe ihr durch geduldige, klare Regeln und durch Berechenbarkeit einen stabilisierenden Rahmen für ihre Seele gegeben. Mitunter musste man auch ziemlich laut werden, um überhaupt zu ihr durchdringen zu können – denn sie war oft gefangen in ihrer „Luna-Welt“, wie ich es nannte. Gleich einem Autisten machte sie oft einfach „zu“ und war weit weg… wenn ich dann laut pfiff oder ihren Namen rief, dann tauchte sie wieder in „unsere“ Welt ein und sah mich fragend an…

Luna kompensierte all ihren Stress durch Bewegung… rennen bedeutete für sie innere Ruhe, im Kreis drehen bedeutete, nicht wahnsinnig vor Angst oder Überforderung zu werden…

Ich holte mir Hilfe bei einem Hundetrainer, der einiges bewirkte, aber schon nach relativ kurzer Zeit gestand, dass er nicht weiterkäme, ohne Starkzwangmittel einzusetzen – und das wolle er nicht – gut so, denn das war für mich (und ist es bis heute !) undenkbar und nicht akzeptabel.
Somit besuchte ich mit Luna einen Hundeverein, wo ich eine wunderbare Hundetrainerin traf, die sehr schnell Luna´s „anderes“ Wesen begriff. Wir waren dort nicht, um Luna die Grundbefehle beizubringen (die hatte sie in kürzester Zeit gelernt), sondern um sie an alle möglichen neue Dinge zu gewöhnen. Die Trainerin stellte es uns frei, an den Übungen teilzunehmen, wenn ich der Meinung war, Luna sei dazu in der Lage. Wir benötigten in der Regel 45 min, bis Luna sich konzentrieren konnte – und dann war sie der beste Hund auf dem Platz ! Was sie einmal begriffen hatte, vergaß sie ihr Leben lang nicht – aber BIS sie sich konzentrieren und lernen konnte, war es immer ein weiter Weg…

Jedenfalls war Luna für mich der Auslöser, mich noch intensiver als bisher mit der Verhaltensbiologie von Hunden zu beschäftigen. Luna´s Verhalten war jedoch in keinem Standardwerk auffindbar – somit entwickelte ich durch Versuch und Irrtum (und vor allem: genauester Beobachtung) meine eigene Therapie für sie. Luna hat mir gezeigt, dass Patentrezepte in der Hundeerziehung immer über kurz oder lang zum Scheitern verurteilt sind – denn jeder Hund ist anders ! Ich habe viel (kennen-) gelernt und mir aus allen Bereichen das Passende herausgenommen –  und so halte ich es bis heute bei meinen Beratungen.

Es gelang im Laufe der Zeit, Luna zu einem  - meist – glücklichen und zufriedenen Leben zu verhelfen. Ich konnte sie allerdings nicht überall mit hin nehmen, so wie ich mir das immer gewünscht hatte. Aber für Luna war es definitiv schöner, alleine zu Hause zu bleiben, als sie mit zu Freunden mitzunehmen (außer bei einer Freundin, mit deren Hund ich sie bereits von Anfang an bekannt gemacht hatte).

Einen großen Entwicklungssprung hat sie dann vollzogen, als wir für sie einen großen, souveränen Rüden in´s Haus holten: Paco ! Da sich Luna  - wenn überhaupt – nur südländischen Hunden frei näherte, war für uns selbstverständlich, dass es wieder ein „Spanier“ sein sollte, dem wir ein Zuhause geben wollten, damit er Luna zur Seite stehen konnte. Wir suchten bewusste einen selbstbewussten Rüden – und fanden Paco, der im Tierheim in Benissa mit ca. 2 Jahren bereits Chef über 60 (!) Rüden war. Paco hat ein Ego für 15 ausgewachsene Hunde und wird oft liebevoll der „Dominator“ genannt ;o)
Er hat mein Mädchen dann auch bereits am 2. Tag unter seine Fittiche genommen, was ihr ungemein gut getan hat. Die zwei waren ein eingespieltes Team und Paco hat sie bis zum Schluß begleitet, später bewacht und beschützt wie ein wahrer Gladiator !

Obwohl Luna eine starke Herzinsuffizienz hatte und man ihr im Alter von 2 Jahren nur noch wenige Wochen prognostizierte,  hat ihr Herz noch über 8 Jahre tapfer geschlagen. Daran war einerseits ihr unbändiger Wille (denn es steckte auch ein ganzes Stück Terrier in ihr) schuld, aber auch zu einem sehr großen Teil die gute Betreuung durch unsere Tierheilpraktikerin Astrid Kesseler. Die substituierenden Mittel, die sie mit Hilfe der Bioresonanz herausfand, haben Luna ungemein geholfen, ebenso die unzähligen Bachblüten und homöopathischen Mittel, die halfen, ihre kleine, verwirrte Seele wieder halbwegs auszugleichen.

Hinzu kam die bedingungslose Liebe und die Bereitschaft, Luna so anzunehmen, wie sie nun einmal ist, durch meine Familie und mich. Sie hat uns unheimlich viel Kraft und Nerven gekostet: stets in Bewegung, stets von „Null-auf-Hundert“ in 0,2 sec. – und trotzdem das wundervollste, verrückteste „Huhn“, was wir uns nur wünschen konnten !

Letztendlich hat ihr Herz immer weiter geschlagen – aber ihre rechte Schulter hat dem ständigen im-Kreis-Laufen nicht mehr standgehalten und löste sich auf… die Sehne riss, ohne dass Luna Schmerzen gezeigt hätte. Erst Wochen später lahmte sie ein wenig. Ich lies sie beim Tierarzt röntgen und wir beide trauten unseren Augen nicht: das rechte Schultergelenk hatte begonnen, sich aufzulösen, die Sehne war gerissen und bei der linken Schulter war der selbe Prozess im Gang… der Tierarzt war fassungslos, dass Luna immer noch munter durch die Gegend humpelte – ein „normaler“ Hund hätte gewinselt und sich nicht mehr bewegt !

Ich vermute, da Luna von klein an Schmerzen „gewohnt“ war und sie zudem viele Dinge in ihrer „Luna-Welt“ einfach nicht wahrgenommen hat, hat sie auch diese Schmerzen kaum wahrgenommen – bis sie so extrem waren, dass sie selbst zu ihr durchgedrungen sind.

Da an Heilung kein Denken mehr war (sie hätte auch eine OP auf Grund ihres Herzens gar nicht überlebt), einigten wir uns darauf, ihr so lange wie möglich ein Beschwerde- und Schmerzfreies Leben zu ermöglichen, wie es nur geht. Wir rechneten mit 3-6 Wochen – doch auch diesmal überraschte uns Luna erneut: sie fuhr mit uns noch in den Urlaub, genoss die 4 Wochen im Kreise unserer Familie in vollen Zügen und kam wieder mit nach Hause. Dort baute sie dann kontinuierlich – aber fröhlich – ab, An ihrem letzten Tag schaute sie mich morgens in einem dieser ganz seltenen Momenten der absoluten Klarheit an und schenkte mir einen langen, tiefen, liebevollen Blick – und da wusste ich, dass sie sich von mir verabschiedete… Auch Paco wusste schlagartig Bescheid. Luna machte erstmals nach vielen Monaten wieder eine Spielaufforderung in seine Richtung und Paco legte sich zum aller ersten Male in ihrer gemeinsamen Zeit auf den Rücken, damit sie über ihm stehen konnte. Auf dem anschließenden kurzen Spaziergang warf sie mir einen ihrer geliebten Tannenzapfen vor die Füße und ich warf ihn ihr nochmals…sie trabte fröhlich hinterher und brachte ihn mir erneut… zu Hause angekommen, verschlang sie mit mächtigen Appettit eine große Portion Futter und legte sich danach zu mir ins Büro…gegen Mittag dann, erschien mir etwas ungewöhnlich…sie atmete langsam, der Puls war schwach und die Nickhaut hatte sich halb vor das Auge geschoben… es ging dem Ende zu. Ich bettete sie auf weiche Kissen, Paco und ich legten uns zu ihr und sie war sehr ruhig und zufrieden. Abends kam dann der Tierarzt und sie schlief ganz sanft ein.

Meine liebe Luna, Du bist besonders: Du bist ewig „mein Mädchen“, unser „beklopptes Huhn“, der „Traum-Hund“ (im wahrsten Sinne des Wortes) Du warst wundervoll und anstrengend zugleich und wirst ewig einen Platz in unseren Herzen haben. Ich freue mich darauf, Dich eines Tages wieder zu sehen, hinter dem Regenbogen ! Lebe wohl und renne glücklich ! Du hast meine Seele berührt…



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